Alles, was ich bin

Ein Briefwechsel mit meinem inneren Kind

Bei meinem Journaling hatte ich die Aufgabe, einen Dialog mit meinem 10-jährigen Ich zu führen. Die Antworten, die ich aufschrieb, waren überraschend und haben mich tief bewegt. Deshalb entschied ich mich, einen Briefwechsel zu verfassen, in dem ich die Entwicklung meiner Identität sichtbar mache – das kleine Ich und das große Ich.

Liebes kleines Ich,

in den letzten Tagen habe ich oft an dich gedacht. Du warst in mancher Hinsicht so anders als ich heute. Du hast viel für dich getan. Du hast getanzt, geturnt, warst ständig unterwegs und hast dir Zeit genommen für stille Tätigkeiten. Du hast dich wirklich um dich gekümmert. Ich frage mich: Wie hast du das geschafft? Was war damals anders?

Ich habe vieles von dir verloren – und gerade frage ich mich, was aus deiner Zeit noch Teil von mir ist. Ich würde mich gerne wiederfinden. Aber wie? Mir wurde nicht klar, wie sehr ich dich und dein Wissen vergessen habe.

Weißt du, heute nehme ich mir selten Zeit zum Tanzen oder Singen. Meist kümmere ich mich um Alltagsthemen und nehme mir keine bewussten Pausen. Handarbeiten mache ich kaum noch. Du hast so viel gemacht: Armbänder geknüpft, Schmuck gefertigt, gezeichnet. Du warst täglich unterwegs, hast Sport gemacht. Heute habe ich oft das Gefühl, keine Zeit für mich zu haben – oder Angst, sie mir zu nehmen.

Bitte sag mir: Was habe ich verloren?

Bis bald.
dein großes Ich

Liebes großes Ich,

du hast nichts verloren. Alles, was du damals konntest, ist noch in dir. Schau nur genau hin. Du hast seitdem so viel gelernt und erlebt, dass du manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht siehst. Dein Selbst ist alles, was du je warst und noch werden wirst. Du bist, was du dir erlaubst zu sein – und zu glauben, dass du es bist.

Es ist nur natürlich: Wenn Neues in dein Leben tritt, rückt manches für eine Zeit in den Hintergrund und macht dem Wandel Platz. Wenn dann die Zeit kommt, wird es für dich da sein – manchmal in gleicher Form, manchmal verwandelt.

Was nie geschehen kann: dass du etwas verlierst, das schon immer in dir war.

In Liebe,
dein kleines Ich

Liebes kleines Ich,

dein Brief hat mich berührt. Also kann ich mich nicht verlieren, sondern nur finden. Alles, was ich je war, ist in mir. Alles, was ich noch werde, ebenfalls. In der Vielfalt meines Inneren darf ich mich orientieren – und wählen. Ich darf still sein und laut zugleich, zweifeln und dennoch glauben, tanzen und still sitzen, lachen und weinen – und all das gleichzeitig.

All das gleichzeitig? Das würde bedeuten, dass ich alles bin. Alle Möglichkeiten, die mein Menschsein trägt. Niemand kann mir sagen, wer ich wirklich bin – außer mir.

Bis bald,
dein großes Ich

Liebes großes Ich,

ja, andere können dir sagen, wie du sein sollst. Aber am Ende liegt es an dir, ob du es versuchst. Ich verrate dir etwas: Es wird dir nicht gelingen. Du wirst nie so sein können, wie sie es wollen. Dein wahres Selbst wird immer durchscheinen. Es wird dich an dich selbst erinnern. Manche werden das nicht mögen. Es wird dich verletzen. Aber es werden Menschen kommen, die dich genau so lieben, wie du bist.

Vergiss nicht, wer ich bin. Erinnere dich an mich durch das, was ich getan habe. Lass mir Raum, wenn du still wirst. Lass uns gemeinsam die Stille genießen. Lass mich leben in dir, so wie alle Ichs, die du je warst. Gib mir Raum für Fröhlichkeit, für Fantasie, für Leichtigkeit. Sei für mich da – dann zeige ich dir, was in dir ist.

In Liebe,
dein kleines Ich

Liebes kleines Ich,

danke für deine Antwort. Du wirst immer Platz in meinem Leben haben. Ich möchte deine Schönheit leben: deine Sensibilität, deine Liebe zu Menschen, deine Konzentration, deinen Flow. Deine Fantasie. Dein offenes Herz. Ich bin froh, dass es dich in mir gibt.

Bis bald,
dein großes Ich

Mein Fazit

 Im Leben geht es nicht darum, jemand zu werden, der wir noch nicht sind – sondern unser wahres Selbst zu entfalten. Alles, was wir sind, trägt sich bereits in uns, von Anfang an. Mit jedem Augenblick dürfen wir neue Facetten unserer Identität entdecken – ohne die bereits gelebten zu verlieren.

Fragen an Sie

 Wie ist es bei Ihnen: Welche Facetten Ihres Seins möchten Sie wiederbeleben – und neben den neu gewonnenen wieder stärker leben? 

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